Die 4.Dimension als unlösbarer Widerspruch des Kapitals

Der Globale Schuldenberg wächst – berichtete gestern das Handelsblatt  (hier und als PDF). Bemerkenswert daran ist, dass sich die Schuldensumme, die sich beispielsweise im führenden Land – der Wirtschaftsmacht USA, in 200 Jahren angesammelt hat, allein von 2006 – 2016 mehr als verdoppelt hat! (Stand Ende 2013 hierStand 2016 hier und als Grafikbild und die aktuelle US-Schuldenuhr hier). Das deutet an, wie dramatisch der Befund hinsichtlich des „Gesundheitszustandes“ des Kapitalismus mittlerweile sein muss.

Stand der US-Schulden bis Dezember 2013

Der Slogan „Zeit ist Geld“ führt sich selbst ad absurdum

Die extreme Ausdehnung von Krediten und die Zirkulation dieser Gelder an den Finanzmärkten sind historisch zum eigentlichen Fundament, zur Stütze/Krücke der kapitalistischen Weltwirtschaft geworden (anstatt zum Mittel der kaufmännischen Zwischenfinanzierung) und halten das System so noch künstlich, über seinen inneren Totpunkt hinaus, am Laufen. Die ursprünglichen Verwertungszyklen sind völlig aus dem Takt gekommen.

Das gilt ebenso für Deutschland. Nur durch die imperialistische Austeritäts-Politik von Frau Merkel und der EU ist Deutschland 2016 in der Lage gewesen, wenigstens einen Teil der eigenen  Schulden zu tilgen. Eine Milliarde ist jedoch nur ein Tausendstel von einer Billion!!! Selbst wenn etliche Milliarden getilgt werden können, nimmt sich dieses Zwischenergebnis also sehr bescheiden aus… Als Privatperson oder einzelnes Unternehmen müßte man da kaufmännisch und rechtlich gesehen, wegen hoffnungsloser Überschuldung, längst Insolvenz anmelden.

Daraus lassen sich objektiv sieben Schlüsse ziehen

1.  Das typische, oft zu hörende Argument, Geld sei doch eigentlich genug da – man müsse es nur anders verteilen, ist genau genommen falsch. Das Geld existiert zwar nominell (sogar weit mehr als genug) – aber nur als Schuldenberg und wurde nie real über kapitalistische Mehrwertproduktion erarbeitet. Es fehlt diesem Geld die eigentliche „Substanz des Kapitals“ (Karl Marx/Robert Kurz) – die dahinter steckende, menschliche Arbeit. Es bleibt dadurch fiktives Geld/Kapital. Es würde für die westlichen, führenden Industriestaaten in der 4.Dimension ZEIT folglich 400 Jahre brauchen, das alles real abzuarbeiten, was aber ein Widerspruch in sich ist, weil die kapitalistische Art zu wirtschaften wiederum nur durch genau dieses Kreditgeld überhaupt noch am Laufen gehalten werden konnte. Dazu addiert sich die extrem ungleiche Verteilung dieses „fiktiven Geldes“. Es fließt in der Masse den wenigen Kapitaleignern zu, die (mangels Anlagemöglichkeiten in den drei physisch-räumlichen Dimensionen der „Realwirtschaft“) notwendigerweise vorrangig damit spekulieren, anstatt das Geld lieber (sinnigerweise) den breiten Bevölkerungsmassen quasi nach dem „Helicopterprinzip“ einfach zu schenken (z.B. als allmähliche Auszahlung als BGE / freies Lebensgeld / projektorientiertes Arbeitsgeld etc.). Die breite Masse der Menschen hätte wenigstens noch Bedarf und vor allem dann auch die nötige Kaufkraft, die durch Arbeit nicht mehr zu erlangen ist (Prozessinnovation trifft betriebliche Rationalierung trifft gesättigte Märkte = Massenarbeitslosigkeit und Billiglohnsektor). Die davon erzeugte wertmäßige Lücke (= Einkommenslücke) wird historisch betrachtet deshalb immer größer. Nur – Geld verschenken ist natürlich nicht der Sinn des Kapitalismus. Dem geht es weder um Menschen, noch um ein gutes Leben an sich. Andernfalls wären Artikel in Tageszeitungen wie diese nicht existent (s.hier) und (s. hier).

2. Um es noch deutlicher am konkreten Beispiel Deutschland zu machen: Laut HANDELSBLATT konnten 2016 immerhin stolze 18 Mrd. EURO an Schulden getilgt werden. Doch selbst wenn sich dieses zweifelsfrei enorme Ergebnis ungetrübt Jahr für Jahr wiederholen ließe, würde es angesichts von 2140 Mrd. Staatsverschuldung (da sind die Privathaushalte und  Firmen noch nicht mit drin!) ganze 119 Jahre dauern, bis man wieder schuldenfrei wäre. Und selbst dann hätte das nur ein einziges Land von weltweit über 200 Ländern geschafft…und zwar logischerweise auf Kosten der anderen. Grund: nicht jedes Land kann Exportüberschüsse haben…irgendein anderes muss dann in gleicher Höhe Importüberschüsse hinnehmen, was immer wieder zu Debatten führt (vgl. hier und hier). Nur woher käme das dafür nötige Kleingeld, wenn nicht wiederum aus Kreditschulden? Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Ein antagonistischer Widerspruch, der dem kapitalistischen Weltsystem in seine (abstrakte) Inwertsetzung und seinen Kategorien (Ware, Geld, (Lohn-)Arbeit, Markt, Preise usw.) untrennbar eingeschrieben ist. Alle anders lautenden Erklärungen basieren auf logischen Zirkelschlüssen (s. hier) oder Ideologen nehmen Tautologien zu Hilfe („die Wirtschaft wird wachsen, weil sie wachsen muss“).

3. Um es noch weiter auf die lokale Ebene von Kommunen runter zu brechen – die HAMBURGER MORGENPOST berichtete bereits vor Jahren (Ausgabe vom 9. November 2009, „Der Schuldenwahnsinn“), dass selbst wenn die Stadt Hamburg es jemals schaffen würde, die enorme Summe von 100 Mio. EURO stetig pro Jahr aufzubringen und abzuzahlen, bräuchte es bis zum Jahre 2285, um endlich wieder schuldenfrei zu sein…und da waren die Zinseffekte noch nicht mit eingerechnet. Real würde es also deutlich länger brauchen. Und übrigens…die Stadt war bislang weit von derartigen Zahlungsmöglichkeiten entfernt. Sie ist dramatisch verschuldet (s. hier HH Schuldenhistorie) und hat inzwischen sogar noch große Bürgschaften an die Pleitebank HSH Nordbank (s. hier) sowie Kredite von unfaßbaren 16,2 Mrd. EURO vergeben (s. hier). Auch in Hamburg wächst die in Pkt.1 erwähnte Lücke (s. hier) und (als PDF). Erst in der jetzigen Niedrigzinsphase von 2017 kann die Stadt anfangen etwas zurückzuzahlen.

4Nach 400 Jahren kapitalistischer Gesamtentwicklung und ca. 150-200 Jahren Modernisierungs- und Industrialisierungsgeschichte bräuchte es also ab jetzt nochmal einen unaufhaltsamen, krisenfreien, stetigen Aufschwung, sozusagen eine Megakonjunktur von 300 bis 400 Jahren, um dann von einem Null-Schuldenstand aus wieder „normal wirtschaften“ zu können. Diese zeitliche Perspektive diskreditiert sich angesichts des historisch erreichten Zustandes des Kapitaverhältnisses von heute jedoch wohl von selbst.

5. Der Gesundheitszustand des Kapitalismus muss längst als pathologisch angesehen werden, genauso wie das dazugehörige regressive, die Wirklichkeit ignorierende Alltagsbewusstsein. Nur das macht es irgendwie noch möglich, den eigenen Zustand bequem zu ertragen und seinem Alltagsgeschäft einfach weiter nachzugehen…nicht zuletzt auf Kosten (= Inkaufnehmen) des damit verbundenen weltweiten Leids.

6. Jede Partei, jeder Politiker, der uns etwas anderes weiß machen will, lügt entweder (aus eigener Interessenslage und Angst heraus) oder ist in die Riege der postfaktischen Vertreter seiner Zunft einzuordnen. Man darf sie natürlich höflich auf den Fehler im Argument ansprechen. Den-/demjenigen steht es dann aber frei, sich selbst wahlweise in die Kategorie „Freude über neue Einsichten“ oder „Verharren in sturer Ignoranz“ einzuordnen.

7. Aus diesem strukturellem Dilemma kommt man nur durch eine andere Inwertsetzung und somit durch eine Transformation des ganzen Wertesystems heraus. Auch eine sozialistische Revolution, wie im 20. Jahrhundert programmatisch, würde heute im 21. Jahrhundert keine Lösung mehr darstellen. Alle derartigen Ansätze wären wertseitig, als auch sozial und ökologisch betrachtet, zu kurz gedacht.

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Fazit: Die Berücksichtigung der 4.Dimension im Universum – der Zeit – ist entscheidend und stellt sich heute klar als ein Grundroblem und unlösbarer Widerspruch im Kapitalismus dar.

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Der neue Maßstab

Auf der Höhe der Zeit argumentiert folglich nur, wer die große Zeitlinie, und somit den Ablauf der Geschichte und den dabei historisch erreichten Entwicklungsstand der aktuell noch bestehenden Gesellschaftsform im Blick hat. Daraus lässt sich dann alles andere ableiten. Dann – im Zusammenhang betrachtet – ergeben plötzlich auch alle Krisenerscheinungen in ihrer Ablaufreihenfolge einen Sinn. Deshalb läßt sich sagen: nur das kann hinsichtlich der Zukunft des Kapitalismus bzw. besser  gesagt jenseits dessen, um der Erde und der Menschheit eine lebenswerte Zukunft zu schenken, der gültige Maßstab im Jahr 2017 sein. Sowohl die Fakten als auch die Zusammenhänge sind im Internet-Zeitalter bekannt. Niemand kann später ernsthaft behaupten, er hätte von nichts gewußt oder hätte das unmöglich ahnen oder wissen können. Ein paar Klicks genügen, um das nötige Wissen zu erlangen.

Anhand dieses empirisch basierten, neuen Maßstabes läßt sich prüfen, welche Qualität Aussagen haben und wie sie politisch einzuordnen sind.

Daraus ergibt sich dann, wer für eine echte Partei neuen Typs wie DIE VIOLETTEN als potentieller Partner für gemeinsame Verlautbarungen und Aktionen in Frage kommt. Je größer dabei die gemeinsame Schnittmenge an Einsichten, desto größer die Chance dafür – desto klarer, ehrlicher und offener können die Verlautbarungen formuliert sein.

In Bezug auf Teilaspekte wie Schutz der Natur, soziale Verbesserungen, Wohnen, Essen, Gesundheit usw. darf man dabei im Sinne einer Übergangszeit für die Transformation der gesellschaftlichen Gesamtverhältnisse ruhig sehr großzügig sein, sollte sich aber nie in eine Position drängen lassen, die den  eigenen Einsichten, Grundhaltungen, Zielen und Handlungen widerspricht.

Hinter den einmal historisch erreichten Bewusstseinszustand zurück zu fallen sollte stets vermieden werden, egal um welchen Lebensbereich es geht.  Das würde spirituell gesehen die eigene Energie schwächen und letztlich auch zu unerwünschten Ergebnissen führen…ein Fehler vieler früherer sozialer Bewegungen, Revolutionen und gut gemeinten Bemühungen, die Lage in der Welt zu verbessern. Nicht selten war in unzeitgemäßen oder gar anbiedernden  Zugeständnissen an ein geringeres Massenbewusstsein der Grund für ein Scheitern zu finden.

Holger Roloff, 05.Apil 2017

PS: Es gibt noch einen geradezu belustigenden Aspekt am Ausgangsartikel im HANDELSBLATT. Mitten im Artikel ist wie üblich (s. PDF-Version) Werbung platziert. Die zielt auf Kapitalanleger ab. Das unterstreicht und zeigt indirekt, wie wenig sich dem normalen Denken der Leser bzw. von so genannten „Wirtschaftsfachleuten“, sich dieser strukturelle Zusammenhang im Kapitalismus scheinbar erschließt. Der Inhalt des Artikels legt Fakten dar, die völlig im Gegensatz zur in der Anlegerwerbung offerierten Möglichkeit von „verbesserten Wachstumsaussichten“ stehen…man müsse eben nur den Kunden die Daten transparent darlegen, „zeigen, was damit passiert“ usw. – so die Werbebotschaften. Selten herrscht so viel intellektuelle Dunkelheit gespart mit dem Humor des Universums, wie an solchen Orten. Kein Wunder, dass man inzwischen ganz offen vom „postfaktischen Zeitalter“ spricht.

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Nachtrag vom 8. April 2017: wie die HH MOPO berichtet naht das totale HSH-Desaster (hier) und (als PDF)

Nachtrag vom 28. April 2017: wie die JUNGE WELT berichtet droht die Trump Administration mit der größten unsozialen, neoliberalen Umverteilung in der Landesgeschichte durch ein neues Steuermodell – verharmlosend und irreführend deklariert als „Vereinfachung“ und „Steuersenkungsprogramm“ (hier) und (als PDF)

Politisches Kabarett erklärte schon vor Jahren – mitten in der Krise –  anschaulich den Irrsinn der Schulden-Problematik (hier)

G20 einfach erklärt (explainity Erklärvideo) (hier)

Die G20 und die Krise des globalen Kapitalismus – Studie vom Mai 2017 (hier)

Die private Verschuldung wird bei Argumentationen oft vergessen – sie ist aber da und steigt 2017 wieder an – hier am Bsp. USA (hier)

Was das für die kapitalistische Dynamik bedeutet erklärte der Philosoph André Gorz schon 1983 (Video)

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