Von der Revolution zur Transformation

In der Zeitschrift SEIN beschäftigt sich der deutsche Autor David Rotter mit dem Thema gesellschaftliche Veränderungsprozesse und dabei speziell mit dem Revolutionsbegriff. Er stellt die Frage „Was ist Revolution?“ – insbesondere heute – und bezieht dabei Überlegungen des US-Ethnologen David Graeber mit ein. Das Resultat ist sehr lesenswert (hier).

Revolution

Die Lesart bezüglich David Graeber ist dabei eine sehr wohlwollende, wobei die positiven Aspekte sehr gut herausgearbeitet und in aller Kürze mit einigen Zitaten auf den Punkt gebracht werden.

Wenn Graeber tatsächlich inzwischen so klar denkt und schreibt, wäre das sehr erfreulich. Seine Bücher „Inside Occupy“ (2012) und „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“ (2011) waren da noch nicht ganz so stimmig. Letzteres enthielt zwar viel berechtigte Kritik am patriarchalen Kapitalismus als System, besonders an der Schuldlogik, aus der Unfreiheit systematisch entspringe und immer wieder neu erzeugt wird, um das System fortwährend aus sich selbst heraus am Laufen zu halten, musste jedoch wegen weniger schlüssigen Passagen auch viel berechtigte Kritik einstecken, z.B. der Illusion einer „humanen Ökonomie“ innerhalb der warenproduzierenden Moderne (siehe hier). Dennoch sind seine Bücher stets wichtige Beiträge und Stufen, die am Ende eine Treppe zu einem neuen Stockwerk des Gesellschaftsgebäudes werden könnten, wenn wir die Kritik daran ernst nehmen und unsere eigenen Vorstellungen anhand seiner Gedankengänge auf den Prüfstein stellen.

Zurück zu der ausgezeichnet gelungenen Rezeption von David Rotter. Zu seinen inhaltlichen Ausführungen seien folgende ergänzende Anmerkungen gemacht:

Anmerkung 1: Der Revolutionsbegriff wird durchaus sehr vielfältig verwendet, z.B. auch für Entdeckungen oder technische Erfindungen. Die Interpretation als Bewusstseinsänderung trifft sehr gut den Kern, denn jede Entdeckung und Erfindung hat in der Folge auch zu einer Weiterentwicklung des Bewusstseins geführt, hier mal ohne zu werten, ob das auch immer automatisch etwas Gutes zu bedeuten hatte. Wichtig ist: dieses Verständnis von Revolution rückt die Bedeutung von Spiritualität in den Fokus – ein Schlüsselgedanke für die Zukunft. Man könnte sie auch schreiben als „rEvolution“ – also im Sinne des Erreichens einer weiteren Stufe in der Evolution des Bewusstseins überhaupt. Wir bewegen uns dabei innerhalb der geistigen (spirituellen) Dimension, die einen wesentlichen Bestandteil unserer Existenz darstellt.

Anmerkung 2: Der Revolutionsbegriff im Sinne politischer Umstürze (mit dem Ziel der Machtergreifung) geht von der bürgerlichen Subjektform aus (also einer speziellen, historischen SEINsform sowie Denkform). Die wird in Zukunft keinen Bestand mehr haben, sondern muss mit überwunden werden. Es bedarf heute viel mehr als nur eines anderen Macht- und Verwaltungsapparates, und deshalb  eines Transformationsbewusstseins, weil sich das ganze Wertesystem von „abstrakt“ (ausgedrückt im Geld) zu „konkret“ (Lebenssinn und Nutzen) verändern muss, um weitere Freiräume für zukünftige Entwicklungen zu schaffen. Freiheit liegt jenseits von „Macht“ und „Regierungen“ in neuartigen Strukturen der Selbstbestimmung und Basisdemokratie.

Innerhalb des Kapitals als Gesellschaftsform wird das zunehmend unmöglich, weil das starre Kriterium Rendite (Gewinnerzielung) zum Hemmschuh mutiert. Mit so einem Klotz am Bein ist der Sprung z.B. in eine Zukunft al`a STAR TREK – einer tollen Vision mit all seinen riesigen Raumschiffen – nicht zu machen, weil schlichtweg zu teuer. Das gilt analog bereits für alles, was wir heute auf der Erde an großen Vorhaben bewältigen (sollen). Es ist kein Zufall, dass große Bauprojekte heutzutage im Kapitalismus (zunehmend) scheitern (Flughäfen, Bahnhöfe, Prestigeobjekte).

Ein anderer Aspekt wäre: Warum sollten die Reichen auch plötzlich all ihre Milliarden und Billionen an Vermögen plötzlich für humane und vernünftige Dinge einsetzen? Dazu haben sie innerhalb des heutigen Systems keine Veranlassung. Viel zu wenige unter ihnen sind bereit umzudenken – und das bei genauerem Hinsehen auch nicht wirklich (wie z.B. Stiftungen von Bill Gates, Warren Buffet usw., die ihr Kapital an den Finanzmärkten anlegen).

Folglich muss die Lösung außerhalb dieser Denkformen liegen. Echte Freiheit ist keine Frage des Geldes oder von „freien Wahlen“, sondern basiert auf einer anderen Haltung und Einstellung zum Leben. Der Beitrag von David Rotter ist diesbezüglich sehr öffnend für das Bewusstsein und gibt viele Anregungen mal genauer über das eigenes SEIN nachzudenken.

Holger Roloff, 14. August 2013

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SEIN,  David Rotter: „Was ist Revolution?“ (hier)

Repariert nicht, was euch kaputt macht  – ein Manifest für das gute Leben (hier)

Ökologische Transformation der kapitalistischen Selbstzweckmaschine? Vortrag Niko Paech (Video hier)

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