Widersprüche und Denkformen in der Krise

Heute möchte ich an einem aktuellen Beispiel zeigen, wie sich die bürgerliche Denkform in Widersprüche verstrickt. In diesem Fall hat sich die Partei DIE LINKE leider in eine argumentative Zwickmühle begeben.

Wie der SPIEGEL in seiner heutigen Online-Ausgabe vom 1. Juli 2013 berichtet, heißt zunächst Wirtschaftsminister Rösler junge Südeuropäer in Deutschland willkommen, die aufgrund der wirtschaftlichen Krise in ihren Heimatländern keine Lehrstelle mehr finden. Das allein ist schon mit ein Desaster für die Bundesregierung und ihre Europa-Politik und wäre als solches zu hinterfragen. Doch statt dessen fordert die Fraktionsvize der Partei DIE LINKE Sahra Wagenknecht, dass doch bitte schön zunächst deutsche Jugendliche zuerst gefördert werden sollten (mehr), was in der bürgerlichen Öffentlichkeit eigentlich als eine Selbstverständlichkeit verstanden wird.

Doch genau diese „Selbstverständlichkeit“ mutiert in Zeiten der fortgeschrittenen Krise zu einem doppelten Problem, welches auf die Stellung der potentiell zukünftigen Marktteilnehmer innerhalb des europäischen Gesamtkapitals verweist. Diese Position als potentielle Marktteilnehmer erscheint keinesfalls mehr für alle gesichert, sondern gerät offensichtlich in Gefahr, wenn nicht mal die dafür notwendige Ausbildung junger, zukünftiger Arbeitskräfte sichergestellt werden kann.

Spiegel Online Artikel

Gerade Sahra Wagenknecht, die in TV-Talkshows und ihren Büchern Pro-Marktwirtschaft argumentiert, worauf ich schon in der Vergangenheit ausführlich an dieser Stelle hingewiesen hatte (mehr), ist nun gezwungen, Menschen innerhalb des Kapitals gegeneinander ausspielen zu müssen.

Das Muster „Deutsche Lehrstellen für deutsche Jugendliche“ haben Vorrang – kommt uns in Zusammenhang mit dem Thema „Arbeit“ sehr bekannt vor, oder?

DIE LINKE kann sich angesichts dieser Argumentation  tatsächlich mit der NPD die Hand geben.

Was für ein Dilemma!

Ich vermute, Sahra Wagenknecht steckt jedoch so tief in der Denkform des „strukturellen Antisemitismus“, dass sie das nicht mal mehr selbst zu erkennen vermag. Die ideologische Verarbeitung der Krise des europäischen Kapitals differenziert sich aus und bekommt die Gesichter und Namen derer, die sie öffentlich vertreten, anstatt das Kapital insgesamt kritisch in den Fokus zu rücken.

Leider beschränkt sich DIE LINKE in diesen Fragen auf die Kritik von Oberflächenphänomenen und bestenfalls der Verteilungsungerechtigkeiten innerhalb des Kapitalismus, wie dieses Beispiel belegt. Was von dieser Sichtweise angesichts des aktuellen Krisenstandes zu halten ist, konnte man bereits vor Wochen in der Zeitschrift KONKRET sehr ausführlich dargelegt und deutlich formuliert nachlesen (hier). Diese Sichtweise gehört zum aktuellen „Paradigma der europäischen Krisenverwaltung“, in welches sich DIE LINKE nahtlos einreiht.

Mehr Teilhabe und Gerechtigkeit – auf jeden Fall – nur in welchen gesellschaftlichen Formen? – das wäre die entscheidende Frage. Doch das liegt außerhalb der „linken“ Wahrnehmung.

Im Anfang Juni 2013 veröffentlichten Thesenpapier des Arbeitskreises Wirtschaft Hamburg der Partei DIE VIOLETTEN wird dazu bereits Position bezogen und es werden echte alternative Wege angesprochen (hier). Ob DIE LINKE irgendwann wieder zu neuen Einsichten gelangen kann und uns argumentativ zu folgen vermag, bleibt zu beobachten.

 

Holger Roloff, 01. Juli 2013

 

 

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Nachtrag vom 05.April 2016: Auch andere Autoren, z.B. beim FREITAG Online, setzen sich inzwischen kritisch mit dem auffallend rechtslastigen Argumentationsstandpunkt von Sahra Wagenunecht auseinander (hier)

Die hohe Kunst der Selbsttäuschung – eine Einschätzung des Buches „Freiheit statt Kapitalismus“ (Sahra Wagenknecht)  (hier)

Repariert nicht, was euch kaputt macht – ein Manifest für das gute Leben (hier)

Hier noch ein Vortrag zur Krise des Kapitalismus von Robert Kurz – gehalten vor der Krise 2007: (Audio-Vortrag hier)

Nachtrag vom 26. Juli 2016: erneut versucht Sahra Wagenknecht die Bundesregierung von einer „rechten“ Position aus zu kritisieren, was zu Unmut in den eigenen Reihen führt, wie der SPIEGEL-Online berichtet (hier). Damit wird ihr wahrer Standpunkt erneut mehr als deutlich.

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