Wie die Zivilcourage weltweit wächst

In ihrer aktuellen Online-Ausgabe berichtet die Tageszeitung JUNGE WELT über den gerade verurteilten US-Soldaten Bradley Manning, einen so genannten „Verräter“ von Geheiminformationen (hier). Die dabei vom Autor Jürgen Heiser vorgenommene kritische Reflexion dürfte kaum von der Hand zu weisen sein. Auch andere Berichte, wie hier im SPIEGEL beleuchten den Fall durchaus sehr differenziert und tendenziell kritisch (hier)

Das offiziell gezimmerte Bild von Mannings Tat kann man also durchaus sehr stark relativen bzw. auch anders herum sehen.

Wir erinnern uns: Auch Richard Sorge war einst ein Spion, entschied  durch seine Agententätigkeit maßgeblich den Ausgang des II.Weltkrieges (mehr). Auch er wäre natürlich von den Deutschen als Verräter eingestuft worden, wurde jedoch von den Sowjets als Held gefeiert. Bei Manning ist es von der Sachlage her nicht unähnlich, zumal er ja keineswegs etwa für die Gegenseite tätig war, um vielleicht persönliche Vorteile zu erlangen, sondern er hatte im Sinne der Transparenz für die Weltöffentlichkeit gehandelt. Er versuchte für einen dem Frieden dienlichen Ausgleich zu sorgen, um weiteren unnötigen Kriegen vorzubeugen. Er ist vor allem Humanist und fühlt sich offenkundig als solcher vor allem seinem menschlichen Gewissen verpflichtet.

Als „Verräter“ erscheint er lediglich aus Sicht derer, für die exzessive Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele innerhalb des Weltkapitals als „notwendig“ und „normal“ angesehen wird. Aus humanistischer Sicht erscheint Bradley Manning jedoch eher als ein Beispiel für Zivilcourage in Uniform.

Zivilcourage in Uniform

Er ist damit eine wichtige Person des aktuellen Zeitgeschehens im Jahr 2013 und hat gute Chancen in den späteren Geschichtsbüchern rehabilitiert zu werden. Man muss kein großer Prophet sein, um zu erahnen, dass die sich heute als zur „Achse des Guten“ zählende USA dabei eine weit weniger glanzvolle Rolle zugewiesen werden dürfte.

Was bedeutet es für das Wesen von Institutionen wie „Geheimdienst“ oder „Militär“, wenn ein Humanist wie Manning, der sich für mehr Menschlichkeit einsetzen möchte, für seine Handlungsweise verurteilt wird?

Die Art und Weise des gesellschaftspolitischen Umgangs mit Bradley Manning verrät uns zumindest etwas über den Charakter des gegenwärtigen Herrschaftssystems in den USA und anderswo. Man denke nur an die gerade erfolgten Repressalien gegen die britische Zeitung THE GUARDIAN, für die Premier James Cameron höchst persönlich verantwortlich zeichnen soll (mehr).  Dort wurde mit Gewalt gegen Enthüllungs-Journalisten vorgegangen und es mussten Festplatten zerstört werden, um die erneute Verbreitung von bestimmten Informationen zu verhindern.

Das repressiv auftretende kapitalistische System hat offenbar überall sehr viel zu verstecken, um sich am Leben zu halten. Derartige Reaktionen sind erfahrungsgemäß oft Vorboten des systemischen Untergangs, wie wir aus der Geschichte der UdSSR, DDR usw. wissen.

Ähnliches wie für Manning dürfte analog für die ebenso gesuchten Edward Snowden sowie Julian Assange gelten, die sich ebenfalls für die Weltöffentlichkeit stark gemacht und verborgenes Herrschaftswissen öffentlich zugänglich gemacht hatten. Sie alle drei sind Beispiele für die wachsende Zivilcourage unter den Menschen weltweit.

Jeder fühle sich aufgerufen darüber nachzudenken, wie man an seinem Platz in der Gesellschaft und im Alltag couragierter als bisher auftreten kann. Man muss, darf und braucht sich nicht alles gefallen zu lassen.

Man kann vielleicht einen Journalisten körperlich angehen, einen Soldaten als Bauernopfer aussortieren und wegsperren – aber bei zig Tausend aufwachenden Nachahmern geht das nicht mehr, weil dann plötzlich überall wichtige Arbeitskräfte und Kollegen fehlen würden, was erst recht kritische Nachfragen, Diskussionen, Streiks und Protestbewegungen auslösen würde, was schnell eine eigene Dynamik entwickeln kann. Auch das hat die jüngste, innerdeutsche Geschichte bereits deutlich gezeigt.

 

Holger Roloff, 21.August 2013

 

weitere Artikel zum Thema Zivilcourage:  Kongress für zivilen Ungehorsam (hier)

Nachtrag vom 14.10.2013: Wie aufrichtige Politik beispielsweise aussehen könnte beschreibt ein Blog-Autor beim FREITAG Online wie folgt (mehr).

Sinnvoll wäre es, noch einen Schritt weiter zu gehen und die Subjektform „Bürger“ zu verlassen:

Repariert nicht, was euch kaputt macht  – ein Manifest für das gute Leben (hier)

Arbeitsunrecht in Deutschland praktische Gegenwehr (hier)

Die Angst der Machteliten vor dem Volk – Vortrag und Analyse des deutschen Soziologen Rainer Mausfeld (Video hier)

Schauspieler Matt Damon regt zum Nachdenken an  und reflektiert blinden Gehorsam und zivilen Ungehorsam. Was davon brauchen wir? (Video) [Hinweis: Es geht wie bei allen Links nur um diesen einen Beitrag. Wir distanzieren uns wie immer ausdrücklich vom anbietenden Kanal und dessen sonstigen Inhalten und der politischen Haltung, mit der diese dort präsentiert werden! An falschen Querfronten besteht unsererseits kein Intresse!]

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