Wie falsche Spiritualität zur Ideologie wird

Ein aktuelles Beispiel von rechter Ideologie beschreibt der Autor Jürgen Meier heute in JUNGE WELT online mit seinem Beitrag „Intellektueller Faschismus“ (hier). Dabei zeigt er die Verbindung auf, zwischen einem falschen Verständnis von Spiritualität (basierend auf einer neuartigen Thymos-Ideologie – Begriffsherkunft s. hier) in Kombination mit Sozialdarwinismus (Infos hier), was in der Summe zu einer völkischen Vorstellung der Gesellschaft führt (Infos hier und hier). Der Rückgriff auf den Thymosbegriff von Platon läßt diese Ideologie im Glanze der griechischen Philosophie erscheinen, was typisch für die Neue Rechte in der BRD (hier) ist. So versucht sie, die darauf aufbauenden Argumentationsketten intellektueller erscheinen zu lassen, was Einfallstore und ein Mehr an Attraktivität für empfängliche Gemüter im akademischen Betrieb und in politischen und wirtschaftlichen Kreisen bieten soll.

Das kennen wir aus der Geschichte des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts leider nur allzu gut. Die Parallelen zum Aufkommen der Nazi-Ideologie sind nicht zu übersehen. Auch die musste den damaligen Eliten erst irgendwie schmackhaft gemacht werden – übrigens sehr gut dargestellt in dem Film „Hitler – Aufstieg des Bösen“ (Trailer hier).

Headline des Junge Welt Artikels

Dem Autor gelingt es in besagtem Artikel aufzuzeigen, wie das Denken der heutigen Rechten samt der Partei AfD  funktioniert und auf welchen gedanklichen Grundlagen (Mustern) es steht. So wie damals die  Franzosen (vorm 1. WK) und danach die Juden (vorm 2. WK), nehmen heute der Muslime, völlig undifferenziert zu einem Begriff wie „Islamismus“ zusammengefasst, die Stellvertreterfunktion dessen ein, was es zu bekämpfen gelte. Hauptsache „das Fremde“ als vermeintliche Ursache aller Probleme werde gebannt. Gesellschaftliche Zusammenhänge und die Krise als geschichtlich erreichter und systemimmanenter Zustand des Kapitalismus werden dabei kategorisch ausgeblendet. Solche Kausalitäten sollen auf keinen Fall ins Bewusstsein gelangen.

Kapitalismus erzeugt objektive Gedankenformen, welche die Grundlagen darstellen, um in einem warenförmigen und auf Geld fokussiertem System überhaupt leben zu können. Ideologien sind der notwendige Normalzustand des Denkens. Gerät das System aber anhand seiner eigenen Widersprüche in die Krise und bleiben dabei die tatsächlichen Ursachen unreflektiert oder werden nur in sehr verkürzter Form wahrgenommen (mit Begriffen wie Finanzkrise, Bankenkrise, Kreditklemme usw., bei denen die historische Dimension fehlt oder stark beschnitten ist), dann bietet die Normalität der herrschenden Ideologie keinen ausreichend erscheinenden Ausweg mehr (Bankenregulierung, Einführung von Hartz IV, Negativzins) und die systemimmanenten, unterschwellig vorhandenen Ängste treten an die Oberfläche. Ideologien sind ihrem Wesen nach stets eine intellektuelle Fehlleistung des menschlichen Denkens. Ihr Charakter kann in Krisenzeiten sogar in offene Destruktion, Ausgrenzung und zunächst rhetorische Gewalt umschlagen, die dann letztlich auch physisch auftritt (z.B. brennende Flüchtlingsheime), wenn sie zumindest in den eigenen Reihen oder gar der Öffentlichkeit als ausreichend legitimiert erscheint (man denke historisch auch an sowas wie die Reichskristallnacht, Bücherverbrennungen u.a.).

Das ist – insbesondere heute im Jahr 2017 – aber keineswegs zwingend so, dass Denkmuster einen derart destruktive Ausdruck finden müssen, wie es das Beispiel des Rechtspopulisten Marc Jongen im genannten Artikel zeigt. Man muss keineswegs automatisch zum Islamhasser, Ausländerfeind, Rassisten, Chauvinisten, Sexisten usw. werden. Das sind alles nur ideologische Reflexe auf das, was man selbst nicht versteht, für minderwertig hält oder als Gefahr betrachtet. Das funktioniert wiederum nur durch eine eigene Verdrängung von Realität.

Ignoranz ist gegenwärtig (mal wieder) im bürgerlichen Alltagsbewusstsein zum Normalzustand geworden. Das lässt sich auch daran erkennen, dass politisches Kabarett z.B. in Deutschland seit Jahren Hochkonjunktur hat und sich an all den Widersprüchen, ungelösten Problemen, dem „realen Irrsinn des Alltags“ und  besagter Ignoranz seitens von Politik und Wirtschaft abarbeitet (z.B.  Sendung Extra 3). Das darüber im Publikum überhaupt gelacht werden kann, offenbart, dass  durchaus noch ein – zumindest in Teilen – kritischer Abstand zur Gesellschaft existiert. Nur bleibt der oft unausgesprochen. Nur die geduldeten Hofnarren dürfen das. Genau an diesem Rest an kritischem Kollektivbewusstein können Bürgerbewegungen und eine Partei neuen Typs wie DIE VIOLETTEN im Sinne einer Aufklärung und Emanzipation ansetzen.

Wer einigermaßen ein Gesamtverständnis vom Kapitalismus als Gesellschaftsform hat und diese in den Ablauf der Geschichte einzuordnen vermag, wird auch wissen, dass die Eigenlogik von Geld, Warenkonsum, Arbeitswelt, Marktkonkurrenz, Globalisierung und der Ausbeutungsverhältnisse  selbst genug Ursachen für alle Krisen liefert. Artikel und Buchhinweise dazu finden sich hier auf unserer Internetseite mehr als genug.

Echte Spiritualität ist in diesem Sinne gekennzeichnet von einem ganzheitlichen Verständnis des Universums und unserer Welt. Somit auch von gesellschaftlichen Zusammenhängen, der Philosophiegeschichte, der Entwicklung der Gesellschaftsformen und ihrer dazugehörigen kollektiven Bewusstseinszustände. Der gesellschaftliche Wandel muss daher zunächst einer des  Kollektivbewusstseins sein. Nur durch selbstkritische Einsichten und den Mut zu echten Veränderungen können wir gemeinsam etwas verbessern.

Dabei gilt es vor allem, nicht wieder hinter frühere Erkenntnisse und Einsichten zurückzufallen. Vergangene geistige Fehlleistungen in neuer Art zu reproduzieren ist charakteristisch für sämtliche Rechts- und manchmal auch Linkspopulisten. Auch dazu finden sich hier auf den Seiten Artikel mit entsprechenden Kritikpunkten. Der Artikel von Jürgen Meier zeigt uns, dass es immer noch einen Teil der Menschheit gibt, der nicht gelernt hat bzw. beabsichtigt, sich wirklich befreien zu wollen, der nicht bereit ist, emotional und gedanklich loszulassen und sich von den bestehenden Konventionen und Machtgegebenheiten zu lösen. Wirkliche Freiheit kann nur in einer klassenlosen, (möglichst)  herrschaftsfreien Gesellschaftsform existieren. Wenn dadurch die Angst verschwindet und ein echtes – auch strukturell-kooperatives – Miteinander gelebt wird, verschwinden auch Gewalt, Ausgrenzung und die dazu gehörige Rhetorik unserer heutigen Zeit, weil die dahinter liegende Denkform keine Grundlage mehr hat.

Link zum Junge Welt Artikel  und als PDF

Holger Roloff, 24. März 2017

 

weitere Artikel zu diesem Themenkomplex:

Die Sache und ihr Abbild – wie Ideologie entsteht (hier)

Gibt es ein Zurück zur D-Mark? (hier) und (als PDF)

Die hohe Kunst der Selbsttäuschung – eine Einschätzung des Buches „Freiheit statt Kapitalismus“ (Sahra Wagenknecht)  (hier) und (als PDF)

Widersprüche und Denkformen in der Krise (hier) und (als PDF)

Bargeld – retten oder abschaffen? (hier) und (als PDF)

Mehr Zucker für die Kanzlerin (Ankündigung hier) und (Artikel als PDF)

Alles nur ein falsches Spiel? Ein Buchvergleich (hier) und (als PDF)

Krise und Bewusstseinswandel -Interview mit Pinchbeck bei SEIN.de (hier)

Rainer Mausfeld: „Warum schweigen die Lämmer?“ – Techniken des Meinungs- und Empörungsmanagements (Vortrag per Video hier)

Was passiert, wenn jemand auf einem von Ideologie getragener Posten in der Politik mit der Realität konfrontiert wird? Aktuelles Beispiel: Arbeitsministerin Andrea Nahles, deren bekanntermaßen sehr ignorantes Weltbild (besonders hinsichtlich der von ihr vertretenden Arbeitsontologie) gerade einen Schock erleben musste (hier) und (als PDF)

Thailands buddhistischer Klerus ist längst der Gier nach Materialismus, Geld, Macht und Prunk erlegen (hier als PDF)

Manchmal wird aber auch in der Ideologiekritik etwas unterstellt, was als Grundannahme nicht stimmt, weil es von den Feindbildern der eigenen Ideologie überlagert wird, wie folgendes Beispiel zeigt (hier)

Krokodil frisst Pastor – das passiert, wenn man die Bedeutung der Naturgesetze ignoriert und meint, den eigenen Glauben (= Ideologie) über die Erkenntnisse der Physik stellen zu können – ein typisches Beispiel für falsch verstandene Spiritualität (hier)

Gregor Gysi interpretiert K.I.Z.-Texte – eine Lehrstunde in Sachen Ideologie entlarven (Videogespräch hier)

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