Absoute Grenzen des Wachstums

Prof. Niko Paech im Interview

Hier noch ein komplettes Interview mit dem Postwachstums-Ökonomen Niko Paech bei Jung & Naiv TV (Video) Wie schon im Artikel „Die Wachstumsfrage und der Umgang mit Zeit“ erläutert, zeigt sich auch hier deutlich sein ambivalentes bis unklares Verhältnis zum Kapitalismus. Dass Marktkonkurrenz zum Wachstum führt ist empirisch inzwischen sehr gut belegt und theoretisch verstanden. Sein Fehler liegt unter anderem darin, das er zwischen konkretem und abstraktem Reichtum nicht unterscheidet. Deshalb mißversteht er z.B. auch das notwendige Wachstum der sozialistischen Staaten, die sich historisch in einer Phase der nachholenden Modernisierung befanden, zudem es sich ebenfalls um warenförmige, also im Grunde auch kapitalistische Wirtschaftssysteme handelte, die Kapital generieren mussten. Da diese Länder mit dem Tempo eines freien Marktes nicht Schritt halten konnten, sind sie historisch an der Weltmarktkonkurrenz gescheitert. Das System des RGW im Osten brach deshalb bekanntlich ab 1989 auch politisch zusammen.

Logo der Web-TV-Sendung Jung & NaivDennoch hat er  – und das macht dieses Interview sehr spannend – auf der ökologischen Ebene (Autobahnen, Flächenversiegelung, Aggrarwirtschaft, Gewerbegebiete, Flughäfen) natürlich völlig Recht. Ebenfalls was die Logik des Geldes betrifft, insbesondere wenn man ganz verschiedenen Ländern einfach eine Einheitswährung wie den Euro überstülpt. Auch die Logik der Rendite in der Warenproduktion (Mehrproduktion) bedeutet Wachstumszwang. Warum nicht nur der Euro, sondern der ganze Kapitalismus zwangsläufig seinem Ende zustrebt, hatte ich hier schon in mehreren Artikel dargestellt, begründet und auf entsprechende Quellen verwiesen (hier), (hier), (hier), (hier) und auch (hier).

Moderator im Gespräch mit Niko PaechRichtig ist auch seine Entkräftung des angeblichen Freiheitsrechtes des Westens, z.B. die Vorstellung überall hinfliegen zu dürfen. Dieser für normal gehaltene Irrsinn ist eine willkürliche Anmaßung mit Trend zum Faschismus, weil wir unsere Anmaßungen der ganzen Welt strukturell aufzwingen (z.B. durch Geld). Zu dieser Schlussfolgerung waren auch schon andere Leute gekommen, wie der Philosoph Alain Badiou (vgl. „Wider dem globalen Kapitalismus“, 2016).Niko Paech

Bei etwa 46 min. spricht Niko Paech auch die spirituelle und identitäre Frage an, die im Kapitalverhältnis an die Frage des physischen Besitzes von Dingen (Eigentum) emotional und kulturell gekoppelt ist. Anders ausgedrückt handelt es sich im Grunde um die innere Leere des bürgerlichen Subjektes. Diese inneren, schwarzen Löcher, versuchen wir durch Konsum zu füllen. Weil das permanent scheitert (denn es ist nur immer ein kurzzeitig gefühltes Glück, etwas verdient oder gekauft zu haben), verlangen wir ständig nach mehr. Die weiche, subjektive Seite der Gefühle und das Denken werden also durch den harten, strukturellen Kern des wirtschaftlich-politischen Systems bestimmt, nicht etwa umgekehrt. Für eine Lösung müsste das jedoch umgedrehte werden. Die Subjektform müsste die Wirtschaftsform bestimmen. Keine leichte Aufgabe, denn als Menschen handeln wir zu einem hohen Prozentsatz nicht rational, sondern gefühlsgesteuert durch unser Unterbewusstsein.

Niko Paech gibt auch eine sehr plausible Erklärung dafür, warum wir einen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel benötigen, weil der – und nur der – unser weiteres Überleben auf dem Planeten Erde garantieren kann. Vorgelebte Beispiele sind dafür entscheidend. Also genau das, was die Mitglieder der Partei Die Violetten seit ihrem Bestehen versuchen vorzuleben und was auch in den Partei-Werbeclips dargestellt ist. Nur dieser Weg ist friedlich und langfristig erfolgreich, obwohl er sehr, sehr mühsam ist und langsam verläuft.

Raumperspektive des Gespräche inklusive KameramannBedeutsam ist der Vorschlag den Umfang der Arbeitszeit auf 10 – 20 Stunden abzusenken. Das wäre natürlich eine richtige Schlussfolgerung, wobei Arbeit dann allerdings nicht mehr Arbeit im heutigen Sinne sein könnte, denn bezahlte Lohnarbeit (egal ob selbstständig oder fremdbestimmt) und Mehrwertlogik machen zusammen ja gerade Kapitalismus aus. Kein Warenproduzent produziert überhaupt etwas, wenn er hinterher nicht mehr Geld in der Tasche hat. Staat, Arbeitsamt und Jobcenter gehen wie selbstverständlich davon aus, dass Geld verdienen grundlegendes und oberstes Prinzip sei (also alternativlos) und stellen entsprechende Forderungen samt Sanktionen, wenn man nicht geschmeidig mitspielt oder sich diesem Irrsinn widersetzt. Dabei ist das keine naturgegebene Gesetzmäßigkeit, sondern eine reine Konvention.

Diese gesellschaftliche Konvention zu überwinden wäre gerade die große Hauptaufgabe des bevorstehenden gesellschaftlichen und wirtschaftlich-strukturellen Wandels. Sich einfach nur in der eigenen Nische anders zu verhalten, wie Niko Paech anführt, kann zwar ein guter (emotionaler und ökologischer) Anfang, aber niemals eine Lösung im Ganzen sein. Ohne den Kapitalismus als Ganzes zu überwinden, ist dieser Ansatz leider dazu verurteilt eine Illusion zu bleiben. Anders herum betrachtet – ohne diesen Anfang geht es allerdings auch nicht, das Ganze in Frage zu stellen. Ein kluger Verzicht als Einstiegsstrategie ist sicher eine gute Idee. Ich selbst praktiziere das schon seit Jahrzehnten. Ich bin 1998 zum letzten Mal in den Urlaub geflogen, hatte noch nie ein Auto und bin dennoch überall hingenommen, wo ich wirklich sein musste. Es geht alles, wenn man nur will.

Holger Roloff, 28. Februar 2020


Die Wachstumsfrage und der Umgang mit Zeit (hier)

„Ein Widerspruch von Stoff und Form“: (hier online) und (hier als PDF)

Die 4.Dimension als unlösbarer Widerspruch des Kapitals (hier)

Im Jammertal von EZB und Niedrigzins (hier)

Marktwirtschaft schön grün lackiert (hier)

Erüberlastungstag auf Wanderschaft (hier)

#AlleFürsKlima bei #FridaysForFuture (hier)

Wohin geht der ökonomische Trend…? (hier)

Fabian Schilder: 16-Punkte-Programm für den sozial-ökologischen Umbau (hier)

Wohlstand neu erfinden – welche echten Alternativen es gibt (hier)

Richard David Precht im längeren Talk bei Jung & Naiv (Video) zeigt ebenfalls objektive Grenzen auf

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Author: Holger

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