Freiheit, Grenzen und Satire

Im April 2016 tobt in den deutschen Medien eine Diskussion um die Frage, was Satire darf und was nicht. Ein bezeichnendes Drama um Freiheit und Grenzen des Geistes am Beispiel von Satire und geradezu ein Musterbeispiel dafür, was Spiritualität mit Politik zu tun hat. Worum geht es?

Nach einem entlarvenden Lied der Satire-Sendung Extra 3 über die Politik des türkischen Präsidenten Herrn Erdogan (hier der Originalclip) und dessen Reaktion und Kritik daran, folgte ein umstrittenes Gedicht, um das Thema endgültig auf die Tagesordnung zu setzen.

Dieses drastisch formulierte Poem (hier der Originalclip) wurde daraufhin als „Schmäh-Kritik“ bundesweit bekannt und löste heftige Debatten bis hin zur Androhung rechtlicher Konsequenzen und einer Strafverfolgung aus (s. Bsp. hier). Ein in mehrerer Hinsicht geradezu erstaunlicher Vorgang, weil dabei die eigenen Grundlagen der „westlichen Freiheit“ plötzlich in Zweifel gezogen werden und ins Wanken geraten. Dabei wäre die Sache bei genauerem Hinschauen sehr einfach. Wenn man abstrakt denkt. Denken muss man dabei allerdings schon. Das nimmt einem niemand ab.

Bilder aus den Sendungen

Die Satire von Herrn Böhmermann ist durchaus sehr gelungen und alles andere als – in diesem Kontext – herabwürdigend.

1. weil es dabei keineswegs um ein persönliches Verhältnis zwischen den Personen Böhmermann und Erdogan geht, sondern ausschließlich(!) um die Politik von Herrn Erdogan. Satire nimmt stets Bezug auf etwas, was vorher passiert ist.

Anders wäre es, wenn es keinerlei Veranlassung für eine Satire dieser Art gäbe und Herrn Böhmermann einfach nur die Nase von Herrn Erdogan nicht passen würde und er quasi aus heiterem Himmel eine Herabwürdigung formuliert hätte. Dann – und nur dann – wäre das eine Schmähung auch im rechtlichen Sinn.

2.  es ist für den Zuschauer sofort ersichtlich gewesen, dass die Formulierungen maßlos überzogen und bewusst(!) so gewählt sind, dass sie nicht stimmen. Das ist ganz offensichtlich!!!

Deshalb handelt es sich dabei auch nicht um eine Schmähung, sondern allein schon der Form nach um Satire!

Der inhaltliche Sinn dieser Satire liegt nicht in den Formulierungen von Herrn Böhmermann, sondern der entscheidende Punkt ist die Offensichtlichkeit für die Zuschauer! Das ist die Parallele zur Politik von Herrn Erdogan.

Begründung: wenn Herr Erdogan kritische Journalisten weg sperrt mit der Begründung, das seien ja „Terroristen“, dann ist das ebenso ganz offensichtlich falsch, um nicht zu sagen sogar verlogen. Die Satire zielt exakt darauf ab, das bloß zu stellen. Nur darum geht es!!!

Bilder aus den Sendungen

Es ist beschämend zu sehen, wie unsere Werte von Meinungsfreiheit und Kunst leichtfertig aufgegeben und an einen diktatorisch anmutenden Handlanger und Unterdrücker wie Herrn Erdogan verschachert werden, im Deal gegen eine menschenunwürdige Flüchtlingspolitik, nur damit der Westen sein eigenes politisches Versagen kaschieren kann. 

Wir erinnern uns: als es damals beim Schengen-Abkommen darum ging, Kontingente für die Verteilung von Flüchtlingszahlen festzulegen, hat sich insbesondere Deutschland vehement dagegen gewehrt. Man wähnte sich als europäisches Binnenland als sicher, da keine Flüchtlinge direkt über das Mittelmeer ins Land gelangen konnten. Heute rennt die deutsche Bundeskanzlerin Frau Merkel beim Versuch solche Verteilungskontingente einzuführen gegen Mauern, die sie und ihre Partei selbst geschaffen haben.

Nun rächt sich das. Zu diesem Versagen der deutschen Außenpolitik hört man kein Wort. Ein Fehler zieht jedoch den nächsten nach sich. Und nun arbeitet man sich stattdessen an jemandem wie Herrn Böhmermann ab. Ein kleines Licht im Vergleich zu Erdogan. Der eine kann höchsten ein satirisches Poem verfassen. Der andere hat große Macht, schränkt systematische die Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei ein, zerstört das Leben von Menschen und sperrt z.B. die wenigen weg, die sich in der Türkei dagegen noch wehren.

Was für eine Schmach für die westliche und deutsche Intelligenz, die Leitung des ZDF, das Rechtssystem, deutsche Politiker usw., die sich zum großen Teil überfordert damit sehen, sich argumentativ gegen einen Demagogen wie Herrn Erdogan schnell und klar zu positionieren. Beschämend durch und durch.

Ein weiteres Krisensymptom und Zeichen für den moralischen und intellektuellen Verfall der bürgerlichen Gesellschaft und damit der heutigen Zivilisationsform.

Fazit: in Wahrheit ist es Herr Erdogan selbst, der seine eigene Person schmälert und in schlechtem Licht erscheinen lässt und die Würde seines Amtes beschädigt, durch die Art und Weise seiner Amtsführung und die inhaltliche Ausrichtung seiner Politik. Niemand hat ihn gezwungen, sich in die Freiheitskultur Europas einzumischen. Er hat für Kritik und Satire selbst die Veranlassung gegeben, kann aber mit den Folgen nicht leben. Er untermauert damit viel mehr, warum die Türkei gegenwärtig noch nicht zur EU gehören kann.

Holger Roloff, 10. April 2016

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Nachtrag vom 11.04.2016: Reaktion auf die Satire in DER POSTILLION (hier)

Nachtrag vom 12.04.2016: Zitat des Tages

Zitat des Tages

Stellen Sie sich mal vor, Adolf Hitler hätte Charly Chaplin wegen »Der große Diktator« verklagt.

Der bayerische Kabarettist Michael Lerchenberg in der Passauer Neuen Presse zur drohenden Strafverfolgung des Satirikers Jan Böhmermann (Quelle: JUNGE WELT online)
Nachtrag vom 21.04.2016: Klartext von Oliver Kalkhofe (hier)

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