Preissteigerung und Werte(verfall)

Die Tageszeitung JUNGE WELT brachte in ihrer heutigen Ausgabe einen kurios anmutenden Artikel mit dem Titel „Mit dem Ferrari zum Ein-Euro-Laden“ (hier). Darin wird auf eine bemerkenswerte Buchneuerscheinung der Autoren Markus Metz und Georg Seeßlen hingewiesen – Titel: KAPITALISTISCHER (SUR)REALISMUS (hier).

Die immer irrationaler werdende Konsumwarenwelt der kapitalistischen Spätmoderne und die sich in ihr zuspitzenden Widersprüche wertmäßiger, sozialer und ökologischer Art wurden an dieser Stelle schon mehrfach thematisiert und füllen andernorts inzwischen ganze Bücher.

Buch-Cover Kapitalistischer (Su)RealismusDie im Jahr 2018 aktuelle Politik der meisten Staaten weltweit ist trotzdem immer noch der Neoliberalismus, also der stete Glaube, der Markt regelt alles – man müsse in diesem Sinne nur mehr Vertrauen wagen. Dabei spielt es bekanntlich keine Rolle, ob das tatsächlich auch so ist oder längst mehr als in der Kritik steht, die Umwelt ruiniert wird, immer mehr Staaten scheitern („failed states“), Bürgerkriege toben und die HighTech-Erfindungen nur scheinbar Probleme lösen und die Produktivkräfte gar destruktiv werden.

Andererseits bildet so eine warenförmige Gesellschaft ein dazu passendes Subjektbewusstsein aus. Konsum ersetzt echtes Leben. Ideologien und Populismus haben Hochkonjunktur. Man fröhnt dem Warenfetisch. Schlangen bilden sich bei Produktstarts vor bestimmten Läden und Kaufhausketten erwarten an Rabattverkaufstagen einen regelrechten Kundenansturm. Der Preis für Luxusgüter steigt aus Gründen des Prestige ebenso wie die notwendigen Lebenserhaltungskosten durch Inflation.

Gleichzeitig findet aber ein Werteverfall statt. Der ist Thema des Buches. Während die Soziologin Roswitha Scholz schon vor Jahren von einer zunehmenden „Verwilderung des Patriarchats“ sprach, schauen sich die Autoren Metz und Seeßlen die subjektive Bedeutung des Warenfetisch` und seiner grotesken Entwicklungen und teilweise in sich selbst widersprüchlichen Tendenzen an. Ihre Darstellung ist jedoch keine trockene, soziologische Abhandlung, sondern eine – obwohl sehr sachlich orientiert – durchaus unterhaltsam geschriebene Fachlektüre. Es tauchen so manche Protagonisten aus Politik und Medien auf, so dass der Leser gut folgen kann, was mit den Argumenten und Feststellungen gemeint ist. Obwohl so eine Veröffentlichung Abstraktionen verlangt, bleibt sie so konkret dass der Leser den Roten Faden nie verliert und sich gut unterhalten fühlt.

Einerseits treiben politisch engagierte Menschen stets positiv motivierte Fragen wie „Wie wollen wir in Zukunft leben?“ und „Welche Werte vertreten wir dabei?“. Doch es gilt dabei, den negativen Ausgangspunkt zu kennen, genau hinzusehen was gegenwärtig los ist und warum wir es zu überwinden wünschen. Der westliche Wertekanon wird nur aufgerufen, wenn er politisch gerade ins Bild paßt. Man vergißt ihn jedoch schnell oder deutet ihn um, wenn soziale und freiheitliche Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte einkassiert werden sollen. Der moderne Mainstream-Mensch handelt in sich widersprüchlich und ist längst vom Realist zum Surrealist mutiert.

Den Autoren gelingt es spielend aufzuzeigen, wie absurd unsere moderne Konsumwelt geworden ist, welche Stilblüten sie hervorbringt, warum selbst die Welt der Reichen Upperclass längst bröckelt und mit welchem moralischen Niedergang des Wertesystems das alles einhergeht.

Holger Roloff, 06. August 2018


weitere Beiträge zu diesem Themenkomplex:

„Die Verwilderung des Patriarchats in der Postmoderne“ von Roswitha Scholz (hier)

So beherrscht das Kapital die Politik – hier am Bsp. der Bankenlobby – Steuerzahlen überlässt man dem Normalbürger und kleinen Mittelstandsunternehmen, während sich die Elite und ihre Handlanger in Lobbyverbänden und Politik (Stichwort „Nebenverdienst“) die Taschen voll machen (hier)

Der drohende Kapitalkollaps und die Angst der Profiteure – ein Kommentar von Susan Bonath  Tagesdosis vom 13.08.2018 bei KenFM macht den Widerspruch von steigender Produktivität und Fall der Profitrate deutlich (hier)

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