Griechenland als schwächstes Glied in der Kette

Die Diskussionen um Griechenland nehmen kein Ende. Kaum ein anderes Thema beherrschte die Schlagzeilen der letzten Monate so sehr, wie die Frage des Für und Wider eines Austritts von Griechenland aus dem EURO-Währungssystem (genannt Grexit). Die systemischen Widersprüche werden verbal bearbeitet, geknetet, Hin und Her gewendet, ohne dass es eine verbindliche Lösung gibt, die man allseits gültig und für alle Seiten logisch nachvollziehbar ableiten könnte und somit zu  einem Konsens führen würde. Man kann das Problem einfach nicht schlüssig auflösen. Warum ist das so? Der Grund ist eigentlich sehr simpel:

Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftsform basiert auf inneren, kategorialen Widersprüchen, die ihrem Wesen nach antagonistisch, also dauerhaft unvereinbar sind. In mehreren Beiträgen waren diese Systemgrundlagen hier schon Thema und sind wohl zur Genüge abgehandelt, dargestellt und diskutiert worden (s. Beiträge unten). Ebenso die äußeren Erscheinungen und Phänomene, mit denen wir es im Alltag zu tun haben. Die Politik kann diese Widersprüche und Probleme und folglich auch die daraus entspringenen Krisen nicht reparieren oder überwinden, sondern nur noch verwalten.  Die sogenannten Herrschaftseliten können das Unvermeidliche nur versuchen in die Zukunft zu verschieben, damit andere das Problem dann lösen können. Das ist allerdings eine Illusion, die sie mit ihren Vorgängern teilen.

Was dabei oftmals völlig aus dem Blick gerät, ist der eigene Standpunkt, der von den Beteiligten innerhalb dieses Diskurses eingenommen wird.

Was kann ein violetter Ansatz dazu beitragen?

Antwort: das eigene Bewusstsein zu schärfen und selbstkritisch zu prüfen, wo man sich dabei im Denken selbst verortet. Wo steht man in der Diskussion selber mit seinen Argumenten? Hat man verstanden und bereits verinnerlicht, dass es keinen Sinn hat, sich an einem nihilistischen Diskurs zu beteiligen, von dem man sowie schon weiß oder zumindest intuitiv ahnt, dass es keine saubere, eineindeutige Lösung geben kann und wird? Und wie positioniert man sich dann politisch gesehen? Geht das überhaupt, oder sollte man sich – auch spirituell und energetisch gesehen – dem nicht bewusst verweigern, indem man einen Standpunkt außerhalb des dogmatischen Blickwinkels des Kapitals einnimmt? Sollte man nicht lieber anfangen ganz andere, grundlegende Fragen zu stellen?

Ich möchte deshalb an die Grundlagen dieser sozialen Gesellschaftsform erinnern und auf drei mediale Beiträge verweisen, die in der Lage sind, die Betrachtungsperspektive nochmal zu überdenken. Dabei handelt es sich um zwei Betrachtungen des Autors Götz Eisenberg, der mit der kleinen Anekdote „Von Grillen und Ameisen“  sowie dem »Rätsel der „freiwilligen Knechtschaft“« der sozialpsychologischen Seite des Griechenland Dramas auf den Grund geht.

Außerdem möchte ich auf einen Videobeitrag von campact  verweisen, der zeigt, das selbst innerhalb der normalen, bürgerlichen Denkform die Diskussion und Sachlage rund um das Thema Griechenland sich auch ganz anders verstehen und darstellen lässt, als es gegenwärtig im Mainstream der deutschen Medienlandschaft der Fall ist. Der Unterschied in der Betrachtung besteht nur darin, welche Fakten man berücksichtigt und wie man sie betrachtet und einordnet. Schon kommt man zu einem etwas differenzierteren Ergebnis mit anderer Schwerpunktlage (hier).

Hinzuzufügen vermag ich nur noch, dass der ganze Kapitalismus gerade als System am Scheideweg steht und eine echte Zerreißprobe zu bestehen hat. Die Schranken der Verwertungslogik rücken unaufhörlich näher. Die eiserne, durch Angst, Macht, Lobbyismus und Ideologien geschmiedete Kette ist schon längst rostig. Jede Kette reißt bekanntlich zuerst an ihrem schwächsten Glied. Das scheint in Europa zur Zeit Griechenland zu sein. Doch auch andere Kettenglieder sind in ihrem Kern längt ähnlich marode… Da hilft es auch nichts mehr, sie von außen neu zu lackieren und so über die Zeit zu retten. Der nächste Krisenschub wird kommen. Im Moment gilt übrigens China als potentieller Auslöser eines weltweiten Crash-Szenarios (s. hier).

Solidarität mit Griechenland muss konsequent den Menschen gelten, nicht irgendwelchen „systemrelevanten Banken“. Eine Diskussion mit Argumenten vom Standpunkt des Kapitals aus, führt zwangsläufig in irgendeine der zahlreichen Sackgassen.

Was vielleicht (wage) in eine etwas andere Richtung der Diskussion führen könnte, wie ein europäisches oder regionales BGE, was unmittelbar dem Menschen auf der Strasse helfen würde, steht bislang nirgends auf der Tagesordnung, nichtmal in Deutschland, geschweige denn in Griechenland. So ein radikales Argument als ersten, kleinen Lösungsansatz und Vorschlag, erscheint mir  viel sympathischer, als anderen Ländern vorzuschreiben und aufzwingen, was sie zu tun und lassen haben, wie es unsere politischen Führungseliten meinen tun zu können. Dass sich so eine Idee durchaus real umsetzen lassen würde, fand bereits 2013  in unserem langfristigen Wirtschaftskonzept Erwähnung (vgl. „Wirtschaftsvison“). Es mangelt bislang nur am politischen Bewusstsein und Willen, ernsthaft solche neuen Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Wie lange sich unsere Gesellschaft angesichts der wachsenden Krisen diese Ignoranz wird leisten können, bleibt zu beobachten und anzumahnen.

Holger Roloff, 22. Juli 2015

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weiterführende Artikel zu diesem Thema:

Griechenland – warum die einfachen Wahrheiten nicht stimmen (hier)

Zur Geschichte von Griechenland – Eine Art Protektorat (hier)

Mögliches drittes Hilfspaket: Bund pocht auf  Massenentlassungen in Griechenland (hier)

Willkommen in der Postdemokratie (hier)

Wie Deutschland von der Krise profitiert (hier)

Warum die Lämmer schweigen? (Videovortrag hier)

Georg Schramm zu Atomenergie, Finanzkrise und Grexit (Video hier)

Kannibalen, Zucker und Klassenkampf (hier)

Die Crux mit dem kaufmännischen Rechnen (hier)

Gibt es ein Zurück zur DM? (hier)

Wohin geht ökonomisch der Trend? (hier)

Das Netzwerk des Kapitals (hier)

Interview mit Fabian Scheidler „Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation“ (hier)

Vor welcher Wahl steht Griechenland nach der Wahl? (hier)

Was deutsche Geschichte mit Griechenland verbindet: (hier) und (als PDF)

2016 neue Studie zu Hilfsprogrammen für Griechenland – wer wurde wirklich gerettet (hier)

Neue Kritik an den Rettungskriterien in Europa: (hier)

Das Establishment übt sich in Leugnung…ein Interview zur Lage in der Eurozone und der Darstellung in den Medien mit Yaris Varoufakis beim FREITAG online (hier)

Manchmal blitzt für einen winzigen Moment die Wahrheit auf, wie folgendes Zitat des Tages bei JUNGE WELT online vom 24.März 2017 zeigt:

Verglichen mit Griechenland, waren diese Reformen, die wir gemacht haben, vielleicht ein lauer Sommerwind. Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) laut Nachrichtenagentur dpa bei einem Treffen mit Ministerpräsident Alexis Tsipras in Athen zur »Agenda 2010« unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD)

So geht es den Griechen Stand Mai 2017 (hier)

Die Logik der deutsch geführten Europapolitik gegenüber Griechenland ist leicht zu entlarven – jedenfalls im Politkabarett (Video)

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