(Ver-)Kommerzialisierung des Gesundheitswesens gescheitert

Wie die Tageszeitung JUNGE WELT in dem Artikel „Teure Kommerzialisierung“  (hier als PDF) von Johannes Supe berichtet, sind zwei  Broschüren zum Thema Gesundheitswesen erschienen, herausgegeben vom Konzernbetriebsrat der Asklepios Kliniken. Zeit für eine Bestandsaufnahme und einen kritischen Blick hinter die Kulissen dessen, was sich tagtäglich in einem Teil unserer medizinischen Einrichtungen abspielt.

Wir wissen, dass im Zuge des neoliberalen Denkens im alltäglichen Sprachgebrauch vor einigen Jahren aus Patienten plötzlich „Kunden“ wurden. Damit einhergehend wurde das interne  Abrechnungswesen geändert. Es wurde ein System sogenannter „Fallpauschalen“ eingeführt. Das sollte zu einer neuen, besseren Ökonomie in Krankenhäusern führen. Bessere Vergleichbarkeit. Mehr Transparenz. Marktgerechtere Preise. Doch lässt sich dieser Bereich des Lebens überhaupt derart durch einen Marktmechanismus regeln?

Jetzt liegen die Ergebnisse dieser Verkommerzialisierung des Gesundheitswesens vor. Das medizinische Personal hat sich akribisch an die Arbeit gemacht, alle damit einhergehenden Veränderungen und eingeführten Prozesse zu dokumentieren, das Zahlenmaterial darzulegen und zu analysieren (krankenhaus-satt-fabrik.de).

Die Zahlen und Fakten sprechen eine klare Sprache. Sie zeigen unmißverständlich den Misserfolg des neuen Systems und die Zumutungen, die dem medizinischen Krankenhauspersonal dadurch auferlegt wurden. Das Ergebnis votiert somit gegen die Kommerzialisierung (Broschüre als PDF hier). Die Daten und deren Analyse offenbaren die Widersprüche zwischen der Größe Zeit einerseits, die für die Patientenbetreuung notwendig ist, und der Logik des Geldes andererseits, welches damit nach betriebswirtschaftlichen Regeln marktgerecht verdient werden soll. Auch in diesem Lebensbereich – dem Gesundheitswesen – zeigt sich das Dilemma des Kapitalismus anhand der 4.Dimension – der Zeit, worauf bereits in anderen Zusammenhängen hingewiesen wurde (s. hier). Das Universum ist eben nicht kapitalistisch aufgebaut, auch wenn uns bürgerliche Ideologen das allzugerne Glauben machen würden.

Die Thesen zur Ökonomisierung wurden in einer weiteren Veröffentlichung zusammengefasst (Broschüre als PDF hier).

Die Faktenlage, das Ergebnis hinsichtlich des Zieles eines verbesserten Krankenhausbetriebes, als auch die Schlussfolgerungen widersprechen der neoliberalen Behauptung, dass sich das Gesundheitswesen nach der Marktlogik organisieren lässt. Sie belegen vielmehr das Scheitern des Denkens der neoliberalen Ökonomen. Wieder einmal, möchte man sagen, denn dieses Scheitern begleitet uns nun schon seit Jahrzehnten. Seine Krisen reihen sich mittlerweile auf, wie bunte Glaskugeln auf einer Perlenkette.

Warum ist das so?

Die werttheoretische Erklärung hatte der deutsche Soziologe und Wertekritiker Robert Kurz schon bei Einführung dieser Ökonomiesierungs-Politik gegeben. Demnach ist der Bereich Gesundheit – genau wie Bildung, Kinderkriegen, Kinderbetreuung u.a. – eine Sphäre von gesellschaftlichem Konsum. Es kostet Geld. Solche Lebensbereiche können nicht einfach analog der Produktion von physischen Waren gehandhabt werden und einen betrieblichen Gewinn produzieren, selbst wenn man ihnen formal ein derartiges Korsett kaufmännisch verordnet und von außen einfach überstülpt. Der gesellschaftliche Charakter des Gesundheitswesen ändert sich dadurch nicht.

Das Scheitern war also vorprogrammiert und resultiert aus einem völlig unzureichenden Wissen über das Wesen des Kapitalismus. Das beweist zum wiederholten Male, dass die bürgerlichen Vulgärökonomen ihr eigenes System nicht verstehen. Ein Blick ins Kapital von Marx oder die Teilnahme an einem Lesekreis fundierter Kapitalismuskritik ist einem Ökonomie-Studium an einer vermeintlichen „Elite-Universität“ im Zweifelsfall immer noch vorzuziehen. Eigenes Denken hilft manchmal übrigens auch, was einem zugunsten der in Aussicht stehenden  „Karriere“ dort jedoch (oft bewusst) abtrainiert wird. Stattdessen bekommen Studenten Formeln präsentiert, die den Anschein von Wissenschaftlichkeit erzeugen sollen, auch wenn das längst entlarvt und der Mythos hinter ökonomischen Zahlenspielen entzaubert ist (s. Interview hier).

Holger Roloff, 03. Mai 2017


Auch in der Schweiz hat man entsprechend schlechte Erfahrungen gemacht – deshalb die Forderung „Gesundheit vor Profit“ (hier)

Die Privatisierungswelle geht weiter – auch in anderen Lebensbereichen wie z.B. Verkehr/Strassennetz (hier) und (als PDF) wozu brisanterweise sogar eigens die Verfassung geändert wird – hier eine Rede dazu aus dem Bundestag (Sahra Wagenknecht 1.6.2017), in der die Beweggründe offen gelegt werden (Video hier)

Grundeinkommen statt Krankengeld eine Diskussion beim FREITAG (hier)

Profit for Patientenwohl – ältere Klinikpatienten werden aus ökonomischen Gründen oft höherem Pflegefallrisiko ausgesetzt (hier)

Print Friendly

Antwort schreiben




Wenn Du ein Bild zusammen mit Deinem Kommentar veröffentlichen möchtest, wähle ein Gravatar.